Treffsichere Neuerwerbung des Freundeskreises: Frauen-Power vor 100 Jahren, gepaart mit regionaler Identität & genialer Ergänzung der Sammlung

Ein wunderbarer Coup gelang dem Freundeskreis der Klever Museen mit einer kleinen, aber extrem feinen Neuerwerbung für die photographische Sammlung des Museum Kurhaus Kleve: Er konnte ein Konvolut an 16 Schwarzweißphotographien mit exzellent erhaltenen Vintage Prints der nahezu vergessenen Hamburger Photographin Elsbeth Köster (1894–1974) erwerben. Die Aufnahmen sind nicht nur wegen der geradezu verschwingend geringen Anzahl weiblicher Künstler in der Sammlung des MKK von größter Bedeutung, sondern auch, weil sie einerseits ein Stück lokaler kultureller Identität behandeln und andererseits perfekt an die vorhandene Sammlung anknüpfen. Überhaupt treffen sie den aktuell herrschenden Zeitgeist trefflich: Das Thema des Konvoluts sind die selbstbestimmten Frauen Else C. Kraus (1899–1978) und Alice Schuster (1893–1982), die vor rund 100 Jahren die Villa „Haus Wylerberg“ in Beek zwischen Kleve/Kranenburg und Nijmegen bewohnten.

Elsbeth Köster teilt das Frauenschicksal vieler Künstlerinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die in den 1930er Jahren mit Ausstellungen und Publikationen geehrt wurden, heute jedoch weitgehend vergessen sind. Daher ist die Wiederentdeckung ihres Œuvres dringend geboten – vor allem in der Klever Museumssammlung, die trotz fokussierter Neuerwerbungen der letzten Jahre einen weiterhin beschämend geringen Prozentsatz weiblicher Künstler aufweist.

Der künstlerische Nachlass von Elsbeth Köster befindet sich im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, wo sich rund 360 Photographien erhalten haben, die Menschen, Tiere, Architektur und Landschaft zeigen. Köster – eine Generation mit beispielsweise Anni Albers – ließ sich zunächst als Handweberin ausbilden, wofür sie 1926 sogar ein Gewerbe anmeldete. Der Kunstgewerbeverein Hamburg veröffentlichte 1927 die Innovationen ihres Kunsthandwerks in der Publikation „Hamburgische Werkkunst der Gegenwart“. 1928 wurde sie als Weberin an der Landeskunstschule Hamburg aufgenommen, in einer Zeit, in der sie vermutlich schon eine erste photographische Ausbildung absolvierte. Von 1929 bis 1930 nahm sie am Vorkurs im Bauhaus Dessau teil und studierte von 1930 bis 1933 an der Landeskunstschule Hamburg in der Fachklasse für Photographie. Um 1960 beendete sie ihre photographische Laufbahn. 

Die Aufnahmen von Elsbeth Köster im MKK sind lebensecht, eigensinnig und feinfühlig, unsentimental und sachlich sowie technisch perfekt und plastisch. Sie knüpfen wunderbar an die vorhandene Sammlung an (siehe ->hier). Die dargestellten Motive geben Auskunft, in welchen illustren Kreisen sich die Photographin zu jener Zeit bewegte. 

In dem 16-teiligen Konvolut befinden sich 7 Porträts von Else C. Kraus (1899–1978). Kraus war eine deutsche Pianistin, die sich für zeitgenössische Klaviermusik einsetzte und dadurch Auftrittsverbot während der NS-Zeit erhielt. Sie war u.a. Dozentin an der Staatlichen Akademie für Kirchen- und Schulmusik in Berlin und setzte sich für die Musik von Arnold Schönberg ein, für den sie zwei Mal eine Gesamteinspielung aufnahm, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschien.

Else C. Kraus war die Lebenspartnerin von Alice Schuster (1893–1982), von der sich 1 Porträt im vorliegenden Konvolut befindet. Schuster war Sängerin und die einzige Tochter von Marie Schuster-Hiby (1867–1949), einer vermögenden Industriellentochter und leidenschaftlichen Kunstsammlerin. Von 1921 bis 1924 ließ sich Marie Schuster-Hiby im niederrheinischen Beek, zwischen Kleve/Kranenburg und Nijmegen gelegen, durch den renommierten Berliner Architekten Otto Bartning (1883–1959) das eindrucksvolle „Haus Wylerberg“ errichten. Diese avantgardistische Villa wies einen 6-eckigen Grundriss – „wie ein Kristall“ – auf und ihr Zentrum bildete ein oktogonaler Konzertsaal, der die Akkustik trefflich spiegelte. Damit wollte Marie den Beruf ihrer Tochter Alice als Sängerin unterstützen.

Otto Bartning war zu jener Zeit DER unangefochtene Architekt der Moderne. Interessanter Weise schuf er nur ein Jahr nach dem Plan für Haus Wylerberg seinen wohl berühmtesten (aber nie realisierten) Entwurf – 1922 den für die expressionistische Sternkirche, mit der er den protestantischen Kirchenbau revolutionierte (weitere Infos ->hier). Auf dem Grundriss eines 7-zackigen Sterns standen Altar und Kanzel in der Mitte, die von allen Seiten zugänglich waren. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ihm auch Haus Wylerberg als Inspiration dafür diente. 

Marie Schuster-Hiby, ihre Tochter Alice und deren Lebensgefährtin Else, die von allen nur „C-chen“ genannt wurde, führten in Wylerberg ein beeindruckendes Boheme-Leben. Nicht nur Elsbeth Köster besuchte sie dort (und photographierte dabei nicht nur die Bartning-Villa, sondern auch bspw. 1934 die Waalbrug bei Nijmegen), sondern auch Künstler und Musiker wie Christian Rohlfs, Arnold Schönberg, Ewald Mataré und Joseph Beuys. Ewalds Tochter Sonja Mataré (1926–2020) besuchte Haus Wylerberg mehrfach und verbrachte dort während des Zweiten Weltkrieges als Kind eine unbeschwerte Zeit (siehe ->hier). Es ist nicht auszuschließen, dass Ewald Mataré Else C. Kraus und Alice Schuster während eines Aufenthalts in List auf Sylt 1930 kennenlernte und die eigenwillige Pianistin dabei in Aquarell porträtierte (siehe ->hier). 

Das aus Kleve stammende und in Paris lebende Geschwisterpaar Helene (1903–1983) und Willy Maywald (1907–1985), das seinerseits ein breites Netzwerk aus Künstler*innen und Kreativen pflegte, besuchte Marie Schuster-Hiby mehrfach. Der Schöngeist Willy Maywald, der u.a. 1947 Diors „New Look“ in Paris photographierte und dadurch Weltruhm erlangte, schrieb in seiner Autobiographie „Splitter des Spiegels“ über „ihr herrliches Haus“, das „für mich immer eine Insel der Freiheit und Schönheit gewesen“ ist (S. 224f). Als Homosexueller hatte Maywald Deutschland früh verlassen und schrieb über Marie Schuster-Hiby, „die mir vor dem Krieg so viel geholfen hatte“ (S. 224). Bis zur Schließung der niederländischen Grenze 1938 versteckten die Schuster-Kraus-Frauen verbotene „entartete“ Kunst und unterstützten befreundete jüdische Künstler bei der Flucht nach Holland.

Auf 10 Photos aus dem Konvolut sind die beiden geliebten Dackel der zwei Frauen zu sehen, mit denen sie – nicht unähnlich wie etwa Peggy Guggenheim zu ihren Lhasa-Dogs – eine innige Beziehung führten, die auf den Photos von Elsbeth Köster trefflich zum Vorschein kommt. Männer spielten im Haushalt Schuster-Hiby-Kraus zwar eine völlig untergeordnete Rolle, doch trotzdem findet sich auch abschließend 1 Aufnahme zweier boxender, fleischlich kraftvoller Männer in Bademode in dem Konvolut.

Die Zusammenstellung und die Auswahl der Szenerien und Motive zeigt das völlig selbstbestimmte Leben dieser bemerkenswerten Frauen – sowohl der vor der Kamera, als auch dahinter. Eine somit mehr als treffliche Neuerwerbung für die photographische Sammlung des Museum Kurhaus Kleve, die den Zeitgeist trifft wie kaum eine andere. Chapeau und gut gemacht, lieber Freundeskreis-Vorstand! Die Erwerbung wurde übrigens möglich gemacht dank der behutsamen Vermittlung und Unterstützung von sowohl Annegret Stein als auch Guido de Werd. Auch ihnen sei hiermit sehr herzlich gedankt!

→ Alle Neuerwerbungen von Elsbeth Köster sind unten unter „Verknüpfte Objekte“ oder ->hier abrufbar. 

→ Alle Werke in der Sammlung des Museum Kurhaus Kleve, die mit der Villa „Haus Wylerberg“ und ihren Bewohnerinnen zu tun haben, sind ->hier abrufbar. 

→ Weitere Infos über das expressionistische Haus Wylerberg sind in folgender Publikation aus dem Jahr 1988 erhältllich, die über Ihren bevorzugten lokalen Buchhandel oder online ->hier bestellt werden kann.

[verfasst und online gestellt von Valentina Vlašić]