Studiopräsentation „Als Rauchen und Trinken noch Spaß machte“
»More Than Ever« lautet der Titel der aktuellen Sammlungspräsentation des Museum Kurhaus Kleve, der jedoch für den Ausstellungssaal mit der Keramik nicht zutrifft. Denn hier ist nur ein kleiner Ausschnitt der weit über 3.000 Teile umfassenden Sammlung Werner Steinecke (benannt nach dem großzügigen Schenker der Exponate) zu sehen. »Als Rauchen und Trinken noch Spaß machte« wäre daher in diesem Fall wohl ein trefflicherer Titel (der ganz im Sinne des 1946 geborenen und für seinen unterschwelligen Humor bekannten Mäzen läge). Denn zu sehen sind Nutzobjekte, die zu einer Zeit entstanden sind (1920er und 30er Jahre), als – noch nicht gebremst von gesundheitlichen Bedenken – gepafft und in sich rein geschüttet wurde, was das Zeug hielt. Filme, Werbeanzeigen, aber auch gerade keramische Produkte machten Werbung für diese Lebenshaltung.
Um 1900 geborene Künstlerinnen und Künstler waren oft nicht nur auf eine Gattung beschränkt, sondern begriffen sich als Allround-Talente für ein neues Denken, die einen Reformsatz für das Erstarrte und einen neuen Blick auf das Althergebrachte schufen. Objekte einiger der bekanntesten Künstlerinnen und Künstler von Werkbund und Bauhaus sind in diesem Saal vertreten, zu denen (um nur einige wenige zu nennen) u.a. Richard Riemerschmid (1868–1957), Albin Müller (1871–1941), Peter Behrens (1868–1940), Patriz Huber (1878–1902) und Ursula Fesca (1900–1975) gehören.
Rauchzubehör aus Keramik im frühen 20. Jahrhundert
Tabak als getrockneter Pflanzenteil, importiert aus der neuen Welt, und der Tabakgenuss verbreiteten sich in Europa seit dem 16. Jahrhundert in unterschiedlichen Formen. Trotz vielfacher Bemühungen, den Konsum einzuschränken, wurde er erst richtig populär, als die ungeheuren Einnahmequellen der Tabaksteuer und des Tabakzolls erkannt wurden. Tabak entwickelte sich zum Mode-, Lifestyle- und Luxusprodukt und erschien in vielfachen Varianten am Markt. Und entsprechend ergaben sich geradezu unendlich viele Möglichkeiten, die Rauchutensilien dem jeweiligen Geschmack anzupassen. In der Zeit der fortschreitenden Industrialisierung entwickelte sich – ähnlich wie beim Tafelgeschirr – eine breite Palette schnell herstellbarer und der jeweiligen Mode angepasster Keramikartikel auf dem Markt.
In die Keramiksammlung von Welt gehörten im frühen 20. Jahrhundert beispielsweise die Attribute des selbstverständlichen Rauchens. Im gehobenen Bürgertum wurde z.B. das im Hause an zentraler Stelle untergebrachte Herrenzimmer populär, in dem diverse Rauchutensilien den Kunstgeschmack des Hausherrn widerspiegelten. In dieses Zimmer zog man sich im Regelfall nach dem Essen entweder alleine oder mit Gästen zur Zeitungslektüre, zum Gespräch oder zum gemeinsamen Tabakgenuss zurück. Um 1900 dominierten hier noch gründerzeitliche »Monstrositäten« aus Messing, Serpentin oder auch Holz, die mitunter sogar aus kolonialen Herkunftsländern importiert waren. Dann zog ab 1910 die moderne Keramik mit einer neuen Formensprache ein, die die Utensilien der Raucherwelt nicht nur optisch modernisierte, sondern vor allem der Zeit entsprechend funktionalisierte.
Tabak benötigt im Regelfall einen trockenen Platz zum Lagern, wofür sich besonders Keramikgefäße anboten. Dadurch wurden Tabaktöpfe populär, die in der Formen- und Dekorsprache des frühen 20. Jahrhunderts in großer Zahl auf dem Markt erschienen. Auch entstanden nach dem jeweiligen Kunstgeschmack Aschenbecher, die beispielsweise erotischen Männerphantasien Raum gaben oder aus heutiger Sicht rassistische Utensilien darstellten.
Keramik fürs Trinken
Bereits die höfische Kultur hatte eine große Differenzierung bei den Trinkgefäßen hervorgebracht, die das Bürgertum im 19 Jahrhundert oft mit weniger wertvollen Materialien kopierte. Im deutschen Kaiserreich ähnelte der Gastgebertisch der damals dominierenden Architektur. Da beispielsweise das kaiserliche Postamt wie eine spätmittelalterliche Trutzburg aussah, bildete auch das Bowlengefäß die Burg am Rhein nach. Der Bierkrug bekam einen Turmhelm. Der Reservist nahm seinen Krug, individuell an seine Dienstzeit erinnernd, daher gerne mit nach Hause.
Um 1900 erfolgte mit der beginnenden Moderne ein vollständiger Bruch. Die Designer*innen, Entwerfer*innen oder Keramiker*innen richteten sich nicht mehr nach den mittelalterlichen Zitaten, sondern nach der organischen und floralen Form und der einfachen Dekoration mit geometrischen Ornamenten. Sie verzichteten völlig auf jede Art von »Verzierung«. Dieses Denken wurde in den 1920er Jahren noch erheblich verstärkt durch den Einfluss von Werkbund und Bauhaus. Und vor allem die Erfindung des Aerographen (Spritzpistole) trat ihren Siegeszug bis in die 1930er Jahre an. Das farben- und kontrastreiche Spritzdekor dominierte. Text Werner Steinecke, 30.10.2025