Photograph*in (Ausführung): Elsbeth Köster (1894–1974)
Beschreibender Titel: Alice Schuster (1893–1982), Sängerin und Tochter von Marie Schuster-Hiby sowie Lebensgefährtin von Else C. Kraus, mit Rauhaardackel
Datierung: um 1930 (?) (Herstellung)
Eigentümer*in: Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V., Kleve
Typ: Kunstwerk
Gattung: Photographie
Inventar Nr.: 2025-VII-II (01)
Zugangs-/Erwerbungsdatum: Juli 2025
Bei der vorliegenden Photographie handelt es sich um eines der wenigen bekannten Porträts von Alice Schuster (1893–1982), einer Sängerin und Tochter von Marie Schuster-Hiby (1867–1949), einer der eindrucksvollsten und selbstbestimmtesten weiblichen Persönlichkeiten der Region dieser Jahre.
Marie Hiby wurde 1867 in Altendorf im nördlichen Ruhrgebiet geboren. Ihre Familie besaß Anteile eines u.a. in Hochöfen und Kohle spezialisierten Betriebs, wodurch Marie über ein gewisses Vermögen verfügte, das ihr half ein freiheitliches Leben führen zu können. Als ihr Vater 1888 starb, übersiedelte ihre Mutter Julie Hiby (1841–1906) mit ihr nach Kleve, wo sie 1888 u.a. das bedeutende Haus Bellevue erwarb und 1890 Marie Heinrich Schuster heiratete. 1893 brachte sie in Koblenz ihr einziges Kind – die hier dargestellte Alice – zur Welt.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zogen Marie Schuster-Hiby und ihr Mann Heinrich Schuster nach Tübingen um, wo Heinrich jedoch an einer schweren Krankheit 1921 starb. Danach widmete sich Marie Schuster-Hiby mit Elan und Verve ihrem Herzensprojekt, auf dem Landgut Teufelsberg zwischen Wyler und Beek, das ihr ihre Mutter Julie vermacht hatte, ein avantgardistisches Wohnhaus zu errichten. Dort sollte die Musik eine zentrale Rolle spielen, womit sie ihre Tochter Alice, die Sängerin war, unterstützen wollte. Als Architekten engagierte Marie Schuster-Hiby Otto Bartning (1883–1959), den sie in Berlin kennen- und schätzengelernt hatte. Bartning plante das Gebäude sechseckig, dem Aussehen nach wie einen Kristall, der sich aus der Landschaft emporhob. Der Grundstein wurde 1921 gelegt, der Bau 1924 abgeschlossen.
In der imposanten Avantgarde-Villa „Haus Wylerberg“ pflegte Mutter Marie Schuster-Hiby einen regen Umgang mit expressionistischen Künstlern dieser Zeit, wie etwa Christian Rohlfs, Otto Mueller oder Ewald Mataré. Selbst der junge Joseph Beuys war dort, doch die Schuster-Hibys fanden keinen Gefallen an dem jungen, sonderbaren Mann.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten machte Marie Schuster-Hiby keinen Hehl aus ihrer Verachtung den Nazis gegenüber. Bis zur Schließung der niederländischen Grenze 1938 versteckte sie inzwischen verbotene „entartete“ Kunst und unterstützte befreundete jüdische Künstler, um von ihr aus in die Niederlande zu flüchten.
1940 wurde Haus Wylerberg von Deutschen Soldaten besetzt. Obwohl es von größeren Zerstörungen verschont blieb, war es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geplündert und heruntergewirtschaftet, so dass es unbewohnbar wurde. Marie Schuster-Hiby zog in das Pförtnerhäuschen am Fuß des Weges zur Villa, in dem sie 1949 schließlich im Alter von 81 Jahren starb.
1949 zogen die hier dargestellte Alice Schuster und ihre Lebensgefährtin Else C. Kraus in das Haus Wylerberg, das sie renovieren und in dem sie wieder ein reiches Kulturleben mit Konzerten organisieren konnten.
Als 1963 die nach dem Krieg von den Niederlanden annektierten Gebiete wieder an Deutschland zurückgegeben wurden, doch der Teufelsberg mit der Villa Haus Wylerberg niederländisch blieb, verkauften Alice und Else das Haus an den Niederländischen Staat. Die beiden Frauen zogen in die Schweiz, wo sie bis zu ihrem Lebensende am Lago Maggiore in Ascona lebten. Als Alices große Liebe Else im Jahr 1978 starb, starb Alice nur wenige Jahre später, 1982.
Das Porträt von Elsbeth Köster zeigt Alice Schuster in Nahansicht, vor einer Blätterwand, vermutlich in einem Garten. Sehr innig und liebevoll hält die Porträtierte einen Rauhaardackel in den Armen, den sie an ihr Gesicht schmiegt und dem sie vertrauensvoll zulächelt. Alice Schuster erscheint in leichter Untersicht, verschmitzt lachend, mit modisch gezupften Augenbrauen und moderner Kurzhaarfrisur. Dass sie sich eine Frau für dieses Porträt aussuchte, zeugt von ihrem selbstbestimmten Leben.
Passepartoutmaße 163 x 164 mm