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Meister des Stundenbuchs der Katharina von Kleve (2. Hälfte 15. Jahrhundert)

Beschreibender Titel: Das Stundenbuch der Katharina von Kleve

Datierung: circa 1480 (Zeit des Geschehens), 2009 (Herstellung)

Eigentümer*in: Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V., Kleve

Typ: Kunstwerk

Gattung: Buch

Inventar Nr.: 2014-XII-I

Zugangs-/Erwerbungsdatum: 08.12.2014

Beschreibung ↓

Vollständige originalgetreue, in einem Band und in der ursprünglichen Blattfolge zusammengefasste Nachbildung des Stundenbuchs der Katharina von Kleve, das in The Morgan Library & Museum, New York, unter den Signaturen M.917 und M.945 aufbewahrt wird.

Der Einband des Faksimilebands ist einem historischen Utrechter Einband aus der Zeit nach 1480 nachgebildet (Codex 2734 der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien).

Die einmalige limitierte Auflage dieser Faksimile-Edition beträgt weltweit 980 arabisch nummerierte Exemplare. Weitere 80 römisch nummerierte Exemplare sind nicht für den Handel bestimmt und dienen ausschließlich als Belege und Archivexemplare.

Die herstellerische Gesamtverantwortung lag beim Faksimile Verlag in der wissenmedia GmbH, Gütersloh/München.

Ebenso zeichnet der Faksimile Verlag für die digitale Bilddatenerfassung verantwortlich, wobei die vom Faksimile Verlag mit der Restaurieranstalt der Universitätsbibliothek Graz entwickelte Digitalisierungstechnik zum Einsatz kam.

Die Bilddatenaufbereitung und der Farbdruck sowie die teilweise unter Verwendung von Echtgoldfolie durchgeführte Goldapplikation und die Patinierung des Goldes lagen in der VErantwortung der Print & Art, Graz.

Die Nachbildung des historischen Einbandes aaus dem Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek und die handwerkliche Ausführung aller Buchbindearbeiten besorgte die Buchbinderei Steinbrener, Schärding.

Objektbeschreibung ↓

Katharina von Kleve wurde am 25. Mai 1417 auf der Schwanenburg in Kleve geboren. Ihr Vater war Herzog Adolf II. von Kleve-Mark (1373–1448), der seine Regentschaft 1394 noch als Graf angetreten hatte, aber knapp einen Monat vor der Geburt seines zweiten Kindes, Katharina, durch Kaiser Sigismund (1411–1439) in den Herzogstand erhoben worden war. Ihre Mutter Maria (1393–1463) war die Tochter des burgundischen Herzogs Johann Ohnefurcht (1404–1419), womit sie einer Seitenlinie des französischen Königshauses der Valois entstammte. Wie viele hochgeborene adlige Mädchen dieser Zeit wurde sie in herrschaftsstrategische Konzepte eingebunden und bereits 1423 im Alter von sechs Jahren mit dem 13-jährigen Arnold von Egmond (1410–1473) verlobt, der kurz zuvor durch die Landstände als neuer Herzog von Geldern anerkannt worden war. Die Hochzeit fand im Jahr 1430 statt. Aus dieser Ehe gingen sechs Kinder hervor, von denen einige am burgundischen Hof erzogen wurden. Da die Ehepartner unterschiedliche politische Bündnisse bei der Realisierung ihrer Herrschaftsansprüche im Hinblick auf das Herzogtum Geldern eingingen und Katharina ihren ältesten Sohn gegen dessen Vater in der Regentschaft durchzusetzen suchte, scheiterte die Ehe schließlich. Katharina begründete daraufhin ihren eigenen Hof und späteren Witwensitz auf der Burg Lobith im Grenzbereich der Herzogtümer Geldern und Kleve, wo sie am 20. Februar 1476 verstarb. Sie wurde wie ihre Eltern in dem Kartäuserkloster auf der Grav-Insel zwischen Rhein und Lippe bei Wesel bestattet, das ihr Vater im Jahr seiner Herzogserhebung gestiftet hatte. Nach der Zerstörung der Kartause Ende des 16. Jahrhunderts wurden die sterblichen Überreste der dort beigesetzten Angehörigen des Klever Herzoggeschlechts in die Dominikanerkirche in Wesel überführt, in deren Krypta sie heute noch ruhen.

Ein Stundenbuch diente und dient einzelnen Personen zur privaten Andacht und dem damit verbundenen Lesen der Tagesgebete, um zwischen sich selbst als Bittsteller und den angerufenen Heiligen eine Verbindung zu schaffen. Vorbild dieser Art Stundenbücher für Laien war das Brevier (brevis, lat. kurz) der Ordens- und Weltgeistlichen zunächst für das Chorgebet (officium divinum), das sich seit dem 11. Jahrhundert aber in einer handlichen Form weiter für den einzelnen Kleriker verbreitete und auch auf Reisen mitgenommen werden konnte. Es beinhaltete eine komplexe Sammlung verschiedener, stichwortartiger Verzeichnisse von täglich wechselnden Texten, die an den einzelnen Tagen und zu den jeweiligen Gebetszeiten (Horen) im Zyklus des Kirchenjahres zu lesen waren. Die Gebetstexte des privaten Stundenbuches konzentrierten sich vereinfachend auf eine spezielle Themenanzahl. Im Gegensatz zum Brevier folgte das Stundenbuch damit keinem liturgischen Zyklus, sondern konnte auch Lieblingsandachten des Auftragsgebers oder bestimmte lokale religiöse Gepflogenheiten enthalten.

Das Stundenbuch der Katharina von Kleve gestaltet sich wie folgt: 1) der Kalender nach dem Ritus des Bistums Utrecht, in dem große Teile des Herzogtum Gelderns lagen; 2) das Kleine Marienoffizium nach dem Gebrauch der Windesheimer Kongregation (einer geistlichen Reformbewegung ausgehend vom Kloster Windesheim bei Zwolle); 3) das Lange Kreuzoffizium mit Passion; 4) die Horen für die einzelnen Wochentage (gewidmet Sonntag: der Trinität; Montag: den Toten; Dienstag: dem Heiligen Geist; Mittwoch: Allerheiligen; Donnerstag: dem Heiligen (Altar-) Sakrament; Freitag: dem Göttlichen Erbarmen und dem Kreuz; Samstag: der Jungfrau Maria). Diese Gebetstexte sind für diese Materie eher außergewöhnlich und nur in wenigen vergleichbaren holländischen Handschriften enthalten. 5) folgen die sieben Bußpsalmen; 6) die Allerheiligenlitanei, ebenfalls nach Windesheimer Gebrauch; 7) das Totenoffizium nach Utrechter Usus sowie abschließend 8) eine Reihe von 60 Fürbitten zu einzelnen Heiligen (Suffragien).

Neben dieser individuellen Textgestaltung ist das Stundenbuch Katharinas aber vor allem dank seiner singulären Miniaturmalerei (ursprünglich 166, heute 157 Illuminationen) weltberühmt. Die große Zahl an Miniaturen höchster Qualität ebenso wie der erlesene Randschmuck dieser Prachthandschrift stellen einen Höhepunkt der gesamten Buchmalerei der nördlichen Niederlande des Spätmittelalters dar. Sie verweisen dabei sowohl auf eine anspruchsvolle und wohlhabende Auftraggeberin als auch auf erfahrene Theologen und einen oder mehrere äußerst talentierte Künstler. Der Kodex ist vermutlich in den 1440er Jahren geschaffen worden, ohne dass aber ein konkreter Anlass oder Künstlernamen oder der Entstehungsort (möglicherweise Utrecht) genauer bestimmt werden können.

Der Zweck dieser reichhaltigen Ausschmückung war zunächst ein durchaus praktischer: er galt der Orientierung innerhalb des Stundenbuches selbst. Die 192 x 130 mm große Handschrift umfasst heute 358 Pergamentblätter, deren Texte von einem Schreiber in gotischer Buchschrift auf Latein geschrieben worden sind, was zu dieser Zeit ebenfalls ungewöhnlich war, da die große Mehrheit der Stundenbücher in den Nordniederlanden auf Holländisch verfasst wurde. Seitenzahlen oder Inhaltsangaben fehlen bei allen diesen Büchern: deshalb halfen bei der Orientierung im Text ganz- oder halbseitige Bilder, Initialen oder andere textstrukturierende Elemente.

Trotz seiner prachtvollen Gestalt ist der Verbleib der Handschrift nach dem Tod Katharinas unklar, so dass der Kodex wohl über Jahrhunderte in Vergessenheit geriet. Erst 1856 taucht er wieder auf, als ein Pariser Buchhändler Teile der Handschrift zum Verkauf anbot. Um einen höheren Verkaufspreis zu erzielen, war das Stundenbuch in zwei Hälften geteilt und von Baron Adolphe de Rothschild und dem belgischen Herzog Charles d’Arenberg in dem Glauben gekauft worden, je ein komplettes Andachtsbuch erworben zu haben. Von deren Nachfahren bzw. auf sie folgenden Käufern konnte die New Yorker Morgan Library & Museum beide Teile 1963 bzw. 1970 erwerben, nachdem erkannt worden war, dass es sich hier um ein ursprüngliches Ganzes handelt. Anders als das hier gezeigte Faksimile (fac simile, lat. mache es ähnlich) vermuten lässt, sind beide originalen Teile in New York nicht wieder vereint worden. Nur im Zuge der originalgetreuen Reproduktion durch den Faksimile-Verlag Luzern anlässlich der europaweit letztmaligen Präsentation des originalen Stundenbuchs in Nijmegen 2009 wurde die Handschrift wieder in ihrer ursprünglichen Ordnung gebunden und in einer Auflagenhöhe von 1.000 Exemplaren zum Verkauf angeboten. Durch eine großzügige private Schenkung ist es dem Museum Kurhaus Kleve möglich, seinen Besuchern das Exemplar Nr. 239 zu präsentieren. Zugleich kann dank der Unterstützung der Morgan Library & Museum durch hochauflösende Scans eine Auswahl der bezaubernden Miniaturen in konzentrierter Vertiefung auf dem Bildschirm betrachtet werden.

Beide hier aufgeschlagenen Seiten des Faksimiles untermalen die Sakramentsmesse zum Donnerstag. Das linke Vollbild zeigt das Letzte Abendmahl: Christus mit Kreuzesnimbus, an dessen Brust sein Lieblingsjünger Johannes ruht, reicht dem knienden Judas, aus dessen Mund ein kleiner Teufel schwirrt, ein Stück Brot. Der dieser Szene innewohnende Unfrieden wird auch durch die sich um einen Knochen streitenden Hunde am linken unteren Bildrand angedeutet. Das Spruchband links lautet: Filii Israel comedentes manna (lat. die Kinder Israels essen Manna) – panem angelicam manducavit homo (lat. der Mensch hat das Brot der Engel gegessen; Ps. 77,25); rechts Lucas: beatus qui manducabit panem in regno Dei (lat. Lukas: selig, wer im Reich Gottes am Mahl teilnehmen darf; Luk. 14, 15). Die halbseitige Miniatur auf der rechten Seite gegenüber zeigt Moses im bischöflichen roten Ornat und Paulus bei der Messe. Die den alten und neuen Bund symbolisierenden Heiligen stehen links neben dem Priester, der das Abschlussgebet der Messe liest. Auf dem Altar stehen Kerzen, eine Monstranz und ein bedeckter Abendmahlskelch; daneben liegt ein geschlossenes Missale. Die Spruchbänder der durch einen Nimbus gekennzeichneten Heiligen lauten: Sacerdotes, qui accedunt ad me, sanctificentur ne percutiantur (lat. Priester, die zum Herrn gehen, sollten sich geheiligt haben, damit er sie nicht vernichte, 2. Mos. 19,22 – Moses) sowie Si nosmetipsos iudicaremus, non iudicaremur (lat. wenn wir uns nicht selbst richteten, würden wir gerichtet, 1. Kor. 11,31 – Paulus).

Literatur ↓
  • Friedrich Gorissen: Das Stundenbuch der Katharina von Kleve, Berlin: Gebr. Mann Verlag 1973
  • Das Stundenbuch der Katharina van Lochorst und der Meister der Katharina von Kleve, Pieper, Paul, Paul Pieper, Münster 1966
  • Friedrich Gorissen: Das Stundenbuch der Katharina von Kleve - Ein Beitrag zu seiner Datierung, ‘s-Gravenhage 1965
Ausstellungen ↓
  • Kunst des Mittelalters und des Barock rund um den Katharina von Kleve-Saal im Gebäudeteil Friedrich-Wilhelm-Bad, Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung, Kleve, 09.09.2021
Maße:
Objektmaß 21 x 13 x 8 cm
Objektmaß mit Sockel 31,5 x 28,5 x 21,5 cm
Signatur/Beschriftung:
Beschriftung: Auf dem vorletzten Blatt im Inhaltsteil bez.: 239 / 980 + 80 a.p.
Geographischer Bezug:
Kleve (Ort mit spezifischem Bezug)
Kleve (Standort)
Creditline:
Museum Kurhaus Kleve – Dauerleihgabe des Freundeskreises Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V., Kleve, Deutschland; Schenkung aus Privatbesitz
Kontakt:
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