Künstler*in (Ausführung): Arman (1928–2005)
Künstlertitel: New York Industrial Building
Datierung: 1963 (Herstellung)
Eigentümer*in: Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V., Kleve
Typ: Kunstwerk
Gattung: Plastik / Skulptur
Inventar Nr.: 1996-XI-XVIII
Zugangs-/Erwerbungsdatum: 01.11.1996
STILLGELEGTE MASCHINE
Zahnräder sind geradezu berüchtigt als Inbegriff für ein Leben in der Masse, in der der Einzelne als Teilchen eines viel größeren Ganzen funktioniert, ohne das Ganze zu durchschauen, geschweige denn verantwortlich steuern zu können. Arman hat eine Reihe solcher Zahnräder in einem Werk ohne Titel ihrem technischen Kontext entrissen, indem er sie in Reih und Glied unter Polyester vereint hat. Da kommt zunächst nur einer ironisch gebremsten, gleichsam halbherzigen Erlösung gleich: Zwar sind die Rädchen ihrer Anzahl nach nunmehr überschaubar, zwar sind sie dem Frondienst technischer Vollzüge enthoben, doch nach wie vor muss man bei dem nur 37 x 13 cm großen Werk genau hinsehen, um jedes Teil für sich zu studieren, und nach wie vor überwiegt der Eindruck gedrängter Fülle – der Fluch des Zahnrädchens, eines unter vielen zu sein, ist keineswegs aufgehoben.
Trotzdem bekommen die Rädchen im Stillstand ein Stück weit ihre Einzigartigkeit zurück. In der Technik dienen sie der Bewegung, und es ist ein hochcharakteristischer Vorgang, wenn ein Rädchen mit steigender Geschwindigkeit immer weniger sichtbar für das Auge wird: Ein Zahnrad, das brav und hurtig schnurrt, scheint sich aufzulösen. unter Polyester hingegen herrscht Ruhe – wichtig ist nicht mehr die Funktion der Räder, sondern ihre Position im Raum. Jeder Zackenkranz gewinnt stillstehend seine Gestalt zurück und kann im Verein mit seinen ebenfalls ruhenden Schicksalsgenossen eine ganz eigene Dynamik entwickeln, die sich nicht mehr als reale Bewegung, anders als Beziehungsgeflecht entfaltet. Obwohl wie in Bernstein erstarrt, ergibt sich aus der gestaffelten Anordnung der Einzelteile ein Spiel mit Reihung, Überschneidung und Verknüpfung. Neue Verbindungen, neue Systeme aus Linien, Wellen und Fragmenten entstehen.
Arman war Mitbegründer der Gruppe Nouveaux Réalistes, deren Künstler Dinge des täglichen Gebrauchs (schärfer: Verbrauchs) ähnlich wie in der Pop Art verarbeiteten, und zwar vielfach in Serie. Arman hat dafür den Begriff ‘accumulation’, Anhäufung, benutzt. Er hat solche Anhäufungen zum Beispiel in einer Vitrine voller Milchkannen oder mit Zifferblättern von Geschwindigkeitszählern ausgeführt. Die Verstörung solcher Sammlungen ist immer die gleiche: Dinge, die im Alltag abstrahierend als Funktion in einem Prozess verbucht werden, werden im Museum plötzlich als Material und Form konkret. So sehr die daraus resultierenden Arrangements als ironische (spielerische, witzige) Reflexion moderner Konsumgewohnheiten gesehen werden können, so sehr geht es für die Kunst auch ums Überleben: Es geht um die fundamentale Fähigkeit, ein Ding wirklich zu sehen, statt nur mit seiner Funktionalität zu rechnen und darüber die leibhaftige Realität aus dem Blick zu verlieren.
- Kat. d. Ausst. „52 Werke aus der Sammlung des 20. Jahrhunderts“, bearb. v. Guido de Werd, Roland Mönig und Ursula Geißelbrecht-Capecki, hrsg. v. Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V. aus Anlass der Eröffnung des Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung am 18. April 1997, Kleve 1997, Nr. 29
- Auswahl- / Bestandskatalog „Mein Rasierspiegel – Von Holthuys bis Beuys“, hrsg. v. Guido de Werd im Auftrag des Freundeskreises Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V. aus Anlass der gleichnamigen Abschiedsausstellung des scheidenden Gründungsdirektors Guido de Werd im Museum Kurhaus Kleve (9. September 2012 – 13. Januar 2013), Kleve 2012, S. 216, Abb. S. 184, Nr. 1.65
- Präsentation der Sammlung, Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung, Kleve, 18.04.2010 - 31.10.2010