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Bildhauer*in (Ausführung): Ewald Mataré (1887 - 1965)

Künstlertitel: Schreitender Mann / Männlicher Torso

Datierung: 1922–1923 (Herstellung)

Museum: Museum Kurhaus Kleve

Typ: Kunstwerk

Gattung: Plastik / Skulptur

Inventar Nr.: 1988-05-001

Werkverzeichnis Nr.: WV 10

Beschreibung

ZAUBER ZWISCHEN FORM UND WUNDE. Zauber des Torsos: Am Maßstab der Natur gemessen, zeigt die Figur eine furchtbar-ersehnende Gestalt, aber wer sieht schon in Ewald Matarés „Schreitendem“ einen grausam Ver­stümmelten? Was ins Auge springt, ist eine schöne Gestalt voller Ebenmaß. Gerade an einem (und besonders an diesem) Torso wird das deutlich, was akademisch als „Primat der Form“ bezeichnet wird. Dieser Vorrang wird dar­in manifest, dass die Figur eben nicht als versehrt erscheint. So sehr man bei diesem Werk Anklänge an den menschlichen Körper erkennen mag, so wenig erinnern die Schnittstellen an wirkliche Wunden – spätestens dort wird jede naturalistische Bindung an das Vorbild des menschlichen Körpers gründlich gekappt. Die Schnittstellen stiften statt dessen eine nur in formalen Kate­gorien zu begreifende Spannung zwischen Figur und Raum: Der Betrachter weiß um das nicht Dargestellte und ergänzt es im Geiste (wie vage auch immer) in den Raum hinein; die Figur wird, eben weil sie so als Ganzes wahrgenommen wird, zur in sich ruhenden Form.
Für Ewald Mataré bedeutet der „Schreitende“ die Abkehr von expressioni­stischen Vorbildern, wie sie noch in der „Frau mit totem Kind“ von 1922–1923 in der kantigen Linienführung deutlich zu erkennen sind. In dem Torso findet Mataré zu wesentlichen Positionen seines Schaffens: die glatte, bei Berührung handschmeichelnde Oberfläche, die Orientierung an den Vor­gaben des Rohmaterials (hier: Nussbaumholz) und der Zug zur „Ent-Natura­lisierung“ – freilich ohne die Natur ganz aus dem Blick zu verlieren. Dieses Problem trieb Mataré durchaus um und ließ ihn etwa mit seinem „Stehenden Jüngling“ von 1922 unzufrieden sein: „Der stehende Mann ist mir doch zu unentschieden, er ist nicht, wenn ich so sagen kann, entnaturalisiert.“ Auch am „Schreitenden“ hat Mataré lange gearbeitet: begonnen wurde er 1922, 1923 folgte eine Überarbeitung, nach 1929 löst sich die Verleimung von ange­setzten Holzgliedern auf, was vom Künstler bewusst nicht repariert wurde.
Erst danach schien ihm die Form nicht mehr, wie beim „Stehenden Jüng­ling“ unentschieden, sondern „entschieden“ zu ein oder – nach einer anderen Wendung Matarés – „geklärt“: Wie sehr mich das plastische Arbeiten klärt, formulierte er. Dieser innere Klärungsprozess pflanzte sich nach außen fort, Mataré suchte Klarheit über die seinem Material innewohnenden Vorgaben: „Es ist ganz widersinnig und kann nie zu einem Stil führen“, schrieb er, „in Ton zu kneten und dann in Holz schneiden zu lassen. Materialreinheit ist alles“. Diese Reinheit des Materials zielte auf Reinheit der Form. Ton hat eben andere Möglichkeiten als Holz, die Entscheidung für diesen Stoff
(auch für ein konkretes Stück Holz!) war für Mataré vor allem eines: Form­Entscheidung.

Objektbeschreibung

Der „Torso“ ist eine der ersten von Ewald Matare selbst für gültig befundenen Plastiken und führt auf beispielhafte Weise die gestalterischen Prinzipien vor, denen der Künstler zeitlebens treu blieb. Rodins Faible für den Torso folgend, wird der Mensch auf sein Energiezentrum, die Leibesmitte, reduziert. Der Verzicht auf alle anatomischen Details führt zu einem Urbild, das die Phantasie des Betrachters aktiviert. Dabei kommt dem Werkstoff Holz eine ganz besondere Bedeutung zu. In seiner kompromisslosen Treue gegenüber dem Material – „Materialreinheit ist alles“, war seine Losung – ließ Mataré sich sogar im nachhinein von ihm korrigieren. Nachdem sich die Verleimung der Beine gelöst hatte, verzichtete er auf die Reparatur und akzeptierte damit, dass das Material seine ohnehin bereits radikale Konzeption eines Torsos weiter verschärfte.

Tagebucheintrag

Spiekeroog, 02.08.1922:
„Ich habe eine größere Figur – männliche, in Holz geschnitzt und war von der körperlichen Arbeit ganz ermüdet. […] Wie sehr mich das plastische Arbeiten klärt. Und die Aufgabe der Malerei erscheinen mir in einem ganz neuen, fernen Licht. Wie viel mehr fühle ich einen Handwerker in mit. Es ist ganz widersinnig und kann nie zu einem Stil führen in Ton zu kneten und dann in Holz schneiden zu lassen, wie jetzt vielfach geschieht. Materialreinheit ist alles.“

07.09.1922:
„[…] der schreitende Mann […] [ist] sicherlich mehr episch, mehr schildernd.“

Berlin, 14.03.1923:
„[…] und jetzt zuletzt nochmals den ‘Schreitenden Mann’ in Holz vom vergangenen Jahr ganz überarbeitet. Er scheint mir wesentlich besser geworden zu sein, obgleich solch späte Überarbeitung niemals das sein kann, was es auf einen Hieb werden konnte. Aber ich weiß, dass ich dazumal nicht ganz fertig mit der Arbeit würde.“

Literatur
  • Sabine Maja Schilling, Ewald Mataré – Das plastische Werk. Werkverzeichnis, Wienand Verlag, Köln 1987, S. 148, Abb. S. 148, Nr. 10
  • Ewald Mataré – Tagebücher, Köln 1973
  • Kat. d. Ausst. „52 Werke aus der Sammlung des 20. Jahrhunderts“, hrsg. v. Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V. aus Anlass der Eröffnung des Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung am 18. April 1997, Kleve 1997, Nr. 4
  • Ursula Geisselbrecht-Capecki, Guido de Werd: Ewald Mataré im Museum Kurhaus Kleve, Kleve: Freundeskreis Museum Kurhaus u.Koekkoek-Haus e.V. 1997: Schriftenreihe Band 3, S. 32, Abb. Abb. 8
  • Von Rodin bis Baselitz, Wolfgang Brückle, Kathrin Elvers-Svamberk, Ostfildern-Ruit 2001, S. 105, Nr. 58
  • Kat. d. Ausst. „Ewald Mataré – Das Bild des Menschen“, bearb. v. Roland Mönig, Sabine Maja Schilling u. Nina Schulze, hrsg. v. Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V. aus Anlass der Ausstellungen im Käthe Kollwitz Museum, Köln (14. März – 4. Mai 2003), im Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung, Kleve (18. Mai – 7. September 2003), im Edwin Scharff Museum am Petrusplatz, Neu-Ulm (20. September – 23. November 2003), im Ernst Barlach Haus, Stiftung Herman F. Reemtsma, Hamburg (Januar – April 2004), im Herforder Kunstverein im Daniel-Pöppelmann-Haus e.V. (18. September – 7. November 2004) und im Museum Moderner Kunst – Stiftung Wörlen, Passau (27. November 2004 – 23. Januar 2005), Kleve 2003, Abb. Abb. 16, Nr. 3
  • Mataré und seine Schüler: Beuys, Haese, Heerich, Meistermann, Berlin: Akademie der Künste 1979, Nr. 5
  • Siegfried Gohr, Ewald Mataré: Eine Werkübersicht, Düsseldorf: Akademie-Galerie - Die Neue Sammlung (Kunstakademie Düsseldorf) 2005, Abb. S. 20, Nr. 1
  • Ewald Mataré in het Museum Kurhaus Kleef, Ursula Geisselbrecht-Capecki; Guido de Werd, Kleve 2005, S. 32, Abb. Abb. 8
  • Wiltrud Schnütgen, Kleve - Cleves - Kleef, Kleve: Klevischer Verein für Kultur und Geschichte / Freunde der Schwanenburg e.V. 2010, Abb. S. 111
  • Auswahl- / Bestandskatalog „Mein Rasierspiegel – Von Holthuys bis Beuys“, hrsg. v. Guido de Werd im Auftrag des Freundeskreises Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V. aus Anlass der gleichnamigen Abschiedsausstellung des scheidenden Gründungsdirektors Guido de Werd im Museum Kurhaus Kleve (9. September 2012 – 13. Januar 2013), Kleve 2012, S. 341, Abb. S. 311, Nr. 3.4
  • Kunstakademie Düsseldorf / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen; Düsseldorf (Hrsg.), Die Bildhauer: Kunstakademie Düsseldorf. 1945 bis heute, Bielefeld / Berlin: Kerber 2013, S. 299, Abb. S. 192, Nr. 76
Ausstellungen
  • Die Bildhauer. Kunstakademie Düsseldorf, 1945 bis heute, 20.02.2013 - 28.07.2013
  • Der nackte Körper – Eine Frage der Perspektive / The Naked Body – A Matter of Perspective, Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung, Kleve, 26.11.2021 - 16.01.2022
Material/Technik:
Nussbaumholz
Maße:
Objektmaß 34 x 16,5 x 10 cm
Geographischer Bezug:
Spiekeroog (Entstehungsort)
Berlin (Herkunftsort)
Kleve (Standort)
Status:
Ausstellung
Creditline:
Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung, Kleve, Deutschland
Copyright:
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021
Kontakt:
Bei Fragen, Anregungen oder Informationen zu diesem Objekt schreiben Sie bitte eine E-Mail mit diesem Weblink an sammlung [​at​] mkk.art.