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Bildhauer*in (Ausführung): Ewald Mataré (1887 - 1965)

Historischer Titel: Pietà – Frau mit totem Kind

Datierung: 1922–1933 (Herstellung)

Museum: Museum Kurhaus Kleve

Typ: Kunstwerk

Gattung: Plastik / Skulptur

Inventar Nr.: 1995-V-X

Werkverzeichnis Nr.: WV 21

Beschreibung

Der Schmerz, den die Frau in Ewald Matarés kleiner Holzplastik aus dem Jahr 1922-23 im Gesicht trägt, ist nicht verklärt und nicht vergeistigt. Hart hat sich Trauer in ihre Züge gegraben. Die Pietà (in Malerei und Plastik die Bezeichnung für die Darstellung Marias mit dem Leichnam Jesu) ist in zeitlicher Nachbarschaft zu frühen expressio­nistischen Holzschnitten Matarés entstanden, und unverkennbar ist sie auch durch die kantige, die natürlichen Proportionen des Körpers sprengende Linienführung des Expressionismus geprägt. Freilich ist sie in dieser Plastik alles andere als Selbstzweck: Die scharfen Linien, die die Darstellung von Mutter und Kind prägen, arbeiten den Eindruck tiefen Leides der Kreatur heraus.
Beherrschend ist dabei der Kopf der Mutter, der - im Verhältnis zum Körper überdimensional groß - leicht zum Kind hin geneigt ist. Die trauern­den, mit fast geometrischer Schärfe gegliederten Züge der Frau werden dabei gespiegelt im Körper des Toten. Vor allem der eingefallene Leib des Kindes korrespondiert drastisch mit der Darstellung des Gesichts: So wie Nase und Stirn der Mutter nach außen weisen, fällt der tote Körper nach innen zurück, beides passt gleichsam ineinander - Trauer und leibliche Gebrechlichkeit sind damit formal aufs engste aufeinander bezogen, der Tod herrscht im Grunde über Mutter und Kind. Lediglich das Gesicht des Kindes zeigt weiche, runde Züge, die allerdings in Kontrast zu der wieder scharfen Linienführung in der Gestaltung des kindlichen Körpers stehen - die Macht des Todes, der junges Leben ausgelöscht hat, tritt auch hier ungebrochen hervor. Insofern hat diese kleine Plastik etwas Gnadenloses: Leben ist Leiden, ist Tod; Mutter und Kind sind - gleichsam dem Leibe nach - hoffnungslos gefangen in den Grenzen des Menschlichen. Mataré lässt in der bildnerischen Analyse der Existenz keinen Raum für religiöse Erbaulichkeit - wäre da nicht die Kreuz­form, die beide Körper bilden.
Das Kreuz weist auf die christliche Tradition und bildet als Symbol für die Botschaft von der Auferstehung des Leibes den Gegenpol zu der menschlichen Not, von der jeder Körper für sich erzählt. Auch der Rahmen gewinnt dadurch an Bedeutung: Er betont nicht nur die Kreuzform, er vereint auch ebenso betont beide Dimensionen - die Sterblichkeit und die Hoffnung auf ihre Überwindung. Freilich beharrt das Werk darüber schonungslos auf dem Wissen um den Tod: Er verliert nichts von seinem Schrecken und seiner Unerbittlichkeit; die im Kreuz sich verdichtende geistliche Ebene schwebt rätselhaft über der konkreten, von Leid und Vergänglichkeit beherrschten Oberfläche beider Körper. So öffnet diese Pietà keine erbauliche Ausflucht vor der Wirklichkeit, Hoffnung gegen den Tod ist in diesem Werk wohlfeil nicht zu haben. Darin liegt seine Größe.

Beschreibung

Die „Pieta“ (ital. „Mitleid“) zeigt die Darstellung Mariens, die den Leichnam ihres Sohnes, des vom Kreuz abgenommenen Jesus Christus, in den Armen hält. Die wohl berühmteste Darstellung ist die von Michelangelo im Petersdom in Rom. Doch nicht diese, sondern die „Pieta Rondanini“ im Castello Sforzesco in Mailand, die letzte, unvollendet geblie­bene Skulptur Michelangelos vor seinem Tod, beschäftigt Mataré während der Arbeit an diesem Thema: „Auch Michelangelo hat eine Arbeit gemacht, die ich über alles schätze, [von dem,] was er jemals gearbeitet hat, es ist sein letztes Werk, eine Frau mit einem toten Mann, der Körper des Mannes ist zusammengesunken und wird unter beiden Armen von der dahinter stehenden Frau gehalten, oh, wie herrlich ist dieses Werk. Es scheint, als ob sein ganzes Leben dagewesen sei, um diese Gruppe zu schaffen!“
Mataré hat sich bereits seit seinen Studienjahren an der Akademie in Berlin intensiv mit christlichen Bild­themen auseinandergesetzt. Unter seinen Lehrern Arthur Kampf und Lovis Corinth erstellt er zahlreiche Ölgemälde mit religiösen Inhalten. Im Medium der Malerei stößt Mataré schnell an seine Grenzen. Neue Ausdrucksmöglichkeiten findet er daraufhin im Holzschnitt, der ihn durch das Medium zur Reduktion der Form zwingt. 1920 entstehen drei Holzschnitte zum Thema „Totenklage“ (WV H 61-63), in denen die Körper in geometrisch vereinfachten Formen ausgeführt und rhythmisch auf der Bildfläche angeordnet sind. Über den Holzschnitt findet Mataré schließlich zur Skulptur. Die Holzfassung, die der „Pieta / Frau mit totem Kind“ aus Bronze zugrunde liegt, entstand 1922/1923. Mataré verkauft sie 1923 an den Kunsthänd­ler Israel Ber Neumann in Berlin, der ihm im gleichen Jahr eine Ausstellung ausrichtet. Das Flachrelief weist eine starke Verwandtschaft zum Holzschnitt auf. Mataré benennt sie „Frau mit totem Kind“, um eine christlich-religiöse Konnotation zu vermeiden.
In den hochrechteckigen Rahmen sind kreuzförmig zwei Figuren eingespannt. Die Füße der aufrecht ste­henden Frau ragen weit in die Rahmenunterseite hinein, der Kopf des von der Frau waagerecht gehaltenen Mannes ist eingeklemmt, seine Füße drücken die rechte Rahmenseite nach außen. Der „Sohn“ ist etwas kleiner als die Muttergottes.
Die Mutter-Kind-Komposition wirkt gedrängt und eingekeilt. Während Mataré bei dem Gemälde „Die Frauen und der Tote / Beweinung“ (1919) durch die emotionsgeladenen Gebärden expressiv wirkt, sperrt er bei der „Frau mit totem Kind“ die Expression in eine geometrische Form.

Literatur
  • Sabine Maja Schilling, Ewald Mataré – Das plastische Werk. Werkverzeichnis, Wienand Verlag, Köln 1987, S. 151, Abb. S. 151, Nr. 21
  • Kat. d. Ausst. „52 Werke aus der Sammlung des 20. Jahrhunderts“, hrsg. v. Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V. aus Anlass der Eröffnung des Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung am 18. April 1997, Kleve 1997, Nr. 3
  • Christus an Rhein und Ruhr. Zur Wiederentdeckung des Sakralen in der Moderne 1910-1930, Bonn, Verein August Macke Haus 2009: Schriftenreihe Verein August Macke Haus Bonn Nr. 55, S. 125-130
  • Auswahl- / Bestandskatalog „Mein Rasierspiegel – Von Holthuys bis Beuys“, hrsg. v. Guido de Werd im Auftrag des Freundeskreises Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V. aus Anlass der gleichnamigen Abschiedsausstellung des scheidenden Gründungsdirektors Guido de Werd im Museum Kurhaus Kleve (9. September 2012 – 13. Januar 2013), Kleve 2012, S. 341, Abb. S. 311, Nr. 3.3
Ausstellungen
  • Christus an Rhein und Ruhr – Die Wiederentdeckung des Sakralen in der Moderne, 29.05.2009 - 13.09.2009
  • Ewald Mataré und der Kölner Dom, 30.03.2017 - 20.08.2017
Material/Technik:
Nußbaumholz
Maße:
Objektmaß 22,9 x 15,7 x 1,7 cm
Geographischer Bezug:
Berlin (Herkunftsort)
Kleve (Standort)
Status:
Depot
Creditline:
Museum Kurhaus Kleve – Dauerleihgabe des Freundeskreises Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V., Schenkung Günther Stockhausen, Krefeld
Copyright:
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021
Kontakt:
Bei Fragen, Anregungen oder Informationen zu diesem Objekt schreiben Sie bitte eine E-Mail mit diesem Weblink an sammlung [​at​] mkk.art.